Entspannung – ein paar Gedanken zur Zeit

Guten Morgen! Schlechter Morgen? Heute Nacht wurde vielen Menschen eine Stunde ihrer kostbaren Zeit geraubt – und erst in einem halben Jahr gibt es pay back. Was bedeutet das? Stress für den Biorhythmus, für den Familienalltag, Herausforderungen für Logistiker und Bauern. Wo bleibt da die Entspannung?

Ich habe seit jeher eine besondere Beziehung zur Zeit – eine sehr entspannte. Und das brachte mir seit jeher Stress ein: mit meiner Mutter, meiner Schule, meinen Nebenjobs. Erst seit ich mich mit 15 Jahren aufmachte, die Welt zu bereisen, entspannte sich die Lage. Meiner Natur gemäß nahm ich keine Uhr, kein Zeitmessgerät mit – und fuhr damit erstaunlich gut. Ich entdeckte viele Kulturen, die meinem Verständnis der Zeit entsprachen. Wie ich sie liebe, die maybe-time. Ich bin im Hier und Jetzt und alles andere kommt danach.

Letztes Wochenende sprach ich lange mit Adamsson. Er ist ja nur am Wochenende zuhause, da seine Arbeitsstelle so weit entfernt liegt. Wenn ich ihn und Eva mit ihren Kindern sehe, habe ich Hochachtung vor dem Maß der Verantwortung und der Loyalität, das sie leben. Dass das nicht mit maybe-time zu machen ist (zumindest nicht hier in Deutschland), sehe sogar ich. Entspannung muss man sich wohl leisten können, und sie sieht in verschiedenen Lebenslagen und -orten unterschiedlich aus.

Auf meinen Reisen bin ich allerhand Konzepten von Zeit begegnet. Oft war es die Natur, die Zeitpunkte bestimmte – durch den Stand der Sonne, das Öffnen bestimmter Blüten, das Verhalten von Tieren. Wenn der Hahn krähte, stand man auf. Wenn man sich zufällig traf, trank man einen Tee zusammen. Man traf sich wieder am selben Ort, wenn der Mandelbaum blüht.

Entspannung leben - Gedanken zum Umgang mit der Zeit

Wie spät ist es? Die Kühe kommen heim – die Sonne steht hoch am Himmel – der Zeiger steht auf der 11. Wonach „tickt“ das Leben?

Seit ich wieder in Europa unterwegs bin, drängt sich mir die Frage auf: „Treibt mich die Zeit, oder fülle ich sie mit Leben?“ Das vor-sich-hin-Leben gestaltet sich hier sehr schwierig. Mir ist es auch nur vergönnt, weil ich in der glücklichen Lage bin, bei Familie Tulpe gestrandet zu sein. Ich muss in keinem System funktionieren. Ich bin, ich beobachte, ich unterstütze, ich werkle, ich ruhe, ich genieße, ich lese. Durch Bücher habe ich viele Anregungen und Denkanstöße bekommen. Da ich immer mit leichtem Gepäck unterwegs war, hatte ich stets nur ein Buch dabei. Wenn es ausgelesen war, habe ich es mit anderen Reisenden getauscht, die ebenso wie ich dankbar für neue Lektüre waren. So bin ich zu überaus interessanten Bücher gekommen. Eins von ihnen heißt „Eine Landkarte der Zeit“ (Robert Levine). Ein paar seiner erhellenden Gedanken möchte ich mit euch teilen:

„Gott befaßte sich sechs Tage lang mit der Erschaffung von Himmel und Erde. Dann, am siebten Tag, wird das Werk vollendet – nicht durch die Errichtung eines heiligen Gebäudes, sondern durch die Errichtung einer heiligen Zeit. Obwohl die Welt in den ersten sechs Tagen erschaffen wurde, hängt ihr Fortbestehen von der Heiligkeit des siebten Tages ab. ‚Was wurde am siebten Tag erschaffen? Ruhe, heitere Gelassenheit, Friede und Erholung.‘ Der jüdische Philosoph Abraham Herschel, der so erhellend über den Sabbat schrieb, erläutert: ‚An sechs Tagen der Woche versuchen wir, die Welt zu beherrschen, am siebten Tag versuchen wir, unser Selbst zu beherrschen… Im stürmischen Meer der Zeit und der Mühsal gibt es Inseln der Stille, wo der Mensch einen Hafen finden und seine Würde wiedererlangen kann. Die Insel ist der siebte Tag, der Sabbat, ein Tag der Loslösung von den Dingen, Werkzeugen und praktischen Aufgaben und der Hinwendung zum Geistigen.‘ Der Sabbat ist keine Pause, sondern der Höhepunkt des Lebens. […] Es ist reine Zeit, der Tag, an dem man in der Zeit lebt. Der Sabbat ist unsere störungsfreie Gelegenheit, Herr über die Zeit zu werden. ‚Arbeit ist Kunstfertigkeit,‘ überlegte Herschel, ‚aber vollkommene Ruhe ist eine Kunst.“ Und dann schrieb er noch: ‚Zeit ist die Anwesenheit Gottes in der Welt.‘

Ruhe, heitere Gelassenheit, Friede und Erholung – das wünsche ich euch von Herzen. Und zwar nicht nur an diesem kurzen Sonntag heute, sondern stets, Tag für Tag. Inseln der Stille im Meer der stürmischen Zeit. Entspannung im Stress.

See you,

Georg

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.